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Die Macht der Politik

Der frühere US-Präsident Bill Clinton war wortgewandt. Seine Bildung kam wohl weniger durch seinen Hinweis, dass es mehr als eine Definition des Wortes „ist“ gäbe, zum Ausdruck, als bei seiner robusten Reaktion auf Alan Greenspan, nachdem er von dem damaligen Notenbankchef darüber unterrichtet worden war, dass es notwendig sei, den Rentenmarkt bei Laune zu halten, da man andernfalls mit katastrophalen Folgen rechnen müsse. Clintons Einsicht, dass der Erfolg der Wirtschaft, und somit seine Aussichten auf Wiederwahl, von dem Treiben an den Rentenmärkten und deren Zusammenspiel mit der US-Notenbank abhinge, stimmt heute wohl noch mehr als in den frühen 1990er Jahren.

Während sich die Marktkommentatoren heute auf die Ankündigung des sogenannten „Tapering“ durch die US-Notenbank und die vermeintliche Tragweite der Folgen konzentriert, greift die geldpolitische Verknappung in Wirklichkeit seit Monaten, bedingt durch die 1%ige Zinserhöhung bei Hypothekenkrediten. Diese hat zu einem starken Rückgang der Kreditvergabe im Immobilienmarkt geführt, was das ohnehin moderate Wachstum bremst.

Ob die Fed die Geldmenge nun drosselt oder in der Tat beschließt, diese Maßnahme wieder auszusetzen, wie es ein Entscheidungsträger der Fed kürzlich ausdrückte, spielt wahrscheinlich kaum eine Rolle, abgesehen davon, dass es dadurch tendenziell zu Kursschwankungen kommt. Dabei ist die Konzentration auf die Politik der Fed eher eine störende Ablenkung, da deren Auswirkungen auf die Stärke oder Schwäche des Wirtschaftswachstums enorm überschätzt werden. Die Einschätzung des Marktes in Bezug auf Wachstum und Inflation (sowie deren Risiken) – die sich ja in den Renditen für längerfristige Anleihen widerspiegelt – beeinflussen die Realwirtschaft meist viel stärker.

In der nachstehenden Grafik wird die enge Beziehung zwischen der Entwicklung der Hypothekenzinsen bei 30-jähriger Laufzeit und dem Kreditverhalten US-amerikanischer Privathaushalte dargestellt. Die Werte beziehen sich auf den gleichen Zeitraum, wobei die Rendite invertiert dargestellt wird, so dass eine Abwärtsentwicklung der Kurve mit höheren Zinssätzen einhergeht. Besonders auffällig ist die akute Sensibilität und Schnelligkeit der Reaktion der Kreditnehmer auf Veränderungen der Kosten von Woche zu Woche.

policy power charts December 2013_DE

Es ist auch bemerkenswert, dass sich die Zunahme der Hypothekenanträge zwischen 2011 und 2012 völlig umgekehrt hat. Dieser Wert liegt schon aufgrund einer relativ bescheidenen Zinserhöhung um 1 % auf dem seit dem Jahr 2000 niedrigsten Stand. Eine stärkere Zinssensibilität ist eindeutig die Folge der höheren Verschuldung der Privathaushalte in diesem Zeitraum. Da aber allgemein von der Reaktion auf eine aktive geldpolitische Entscheidung (Zinsanhebung um 1 %) ausgegangen war, müsste man eigentlich für die Rücknahme dieser Entscheidung plädieren!

Ben Bernankes Kommentare vom 21. Mai könnten durchaus die unmittelbare Ursache dafür sein, aber Tatsache ist, dass die höheren Renditen bei 30-jährigen Staatsanleihen und die sich daraus ergebende Erhöhung der Hypothekensätze in der zweiten Jahreshälfte eine geldverknappende Wirkung auf den US-Immobilienmarkt ausgeübt hat, die trotz des Umschwenkens der Fed von einer Drosselung der geldpolitischen Maßnahmen auf eine Nichtdrosselung auch in der zweiten Hälfte dieses Jahres anhielt.

Bis die Fed endlich den Leitzins anhebt, könnten die sich daraus ergebenden Auswirkungen auf die Realwirtschaft fast unmerklich sein, da der Rentenmarkt bereits den größten Teil der Schwerstarbeit übernommen hat. Bei einer übermäßigen Fokussierung auf die linguistischen Nuancen am „politischen Ende“ der Renditekurve läuft man Gefahr, die wesentlich wichtigeren Änderungen, die bereits am längeren Ende stattgefunden haben, zu übersehen.


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