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Des Kaisers neue Kleider? Wandelnde Modetrends bei Anlagestrategien

Die Anzahl der für Anleger verfügbaren Produkte ist in den letzten 50 Jahren explodiert. Eine Rolle spielte dabei der bessere Zugang zu den unterschiedlichen Anlageklassen oder Instrumenten wie z.B. Rohstoffe. Der größte Faktor ist allerdings die Anzahl der neuen Strategien und Anlagevehikel.

Strategien unterscheiden sich von Anlageklassen dadurch, dass sie einen Investmentansatz oder ein System für die Portfoliokonstruktion repräsentieren: eine Methode zur Mischung von Anlageklassen und nicht eine Anlageklasse selbst.

Strategien, wie alle Investments, sind mal in Mode und mal nicht. Investments waren einmal auf Aktien, Anleihen oder eine Mischung der beiden beschränkt. Heutzutage haben wir Hedgefonds, Absolute Return, Risikoparität, Smart Beta, diversifiziertes Wachstum und andere, weniger bekannte Versuche, den Heiligen Gral zu finden. Handelt es sich lediglich um Modeerscheinungen wie des Kaisers neue Kleider: Mode ohne Substanz? Oder steckt mehr dahinter, als der Wunsch der Investmentbranche, die Erträge der Vergangenheit neu zu verkaufen?

Eine kurze Geschichte der Trends

Die historischen Allokationen der institutionellen Anleger wie beispielsweise Pensionsfonds offenbaren die sich verändernde Investmentlandschaft. Bis zu den 1990er Jahren hielten Pensionsfonds in der Regel eine Mischung aus Aktien und Anleihen, deren Großteil aus Großbritannien kamen. Die Mischung variierte, doch gewann eine Ratio von 60/40 (60% Aktien/40% Anleihen) zunehmend an Popularität und wurde zur Norm in den meisten Multi-Asset-Portfolios.

Die statische 60/40-Mischung hat den Anlegern gut gedient. Wie die Abbildung unten zeigt, lagen die Erträge der Strategie nicht weit von reinen Aktienerträgen, während das Anleihesegment die Volatilität glättete und in schwierigen Marktbedingungen wie dem Crash im Jahr 1987 den Vorteil der Diversifikation bot. Es gab nur äußerst selten die Notwendigkeit, die Mischung im Fahrwasser von Marktbewegungen zu verändern.

Abbildung 1: 1980er und 1990er

Tatsächlich waren die Unterschiede in den Erträgen von Aktien und von Anleihen in den letzten 30 Jahren nur minimal.

Abbildung 2: Günstige Diversifikation durch Anleihen

In der Folge wurden in den späten 1990er Jahren Ansätze als schwierig oder irrelevant angesehen, die eine dynamische Anpassung der Vermögensallokation anstrebten. Die „Generierung von Alpha” – oder die Auswahl der Wertpapiere mit Outperformance innerhalb einer Anlageklasse – war wichtiger, als der Versuch, im Laufe der Zeit die richtige Mischung der Anlageklassen zu erreichen. Der Hintergrund der Technologieblase unterstrich diesen Trend. Die Suche nach spezialisierten Aktienfonds gewann immer mehr an Bedeutung.

Im Anschluss an den Crash im Jahr 2001 änderten sich die Prioritäten. Alpha war wenig hilfreich, da Aktien insgesamt an Wert ließen. In ihrer Suche nach Wachstum versuchten die Anleger im Allgemeinen, ihren Portfolios alternative Vermögenswerte hinzuzufügen. Gemeint waren damit Anlagewerte, die Gewinne machten, während die Aktienkurse nachgaben. Hedgefonds und Rohstoffe gewannen im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts an Popularität und entwickelten sich für viele institutionelle Anleger zu einem wichtigen Bestandteil in ihren Portfolios.

Im Jahr 2008 zeigte sich aber dann, dass diese Alternativen tatsächlich nicht besonders alternativ waren. Viele Hedgefonds und Rohstoffe boten nicht den Schutz, den sich die Anleger erhofft hatten. Es waren vielmehr festverzinsliche Anlagen – sie profitierten von der niedrigen Inflation und der Niedrigzinspolitik -, die seitdem nicht nur Diversifikationsvorteile boten, sondern seitdem auch starke Kapitalerträge abwarfen. US-Staatsanleihen lieferten genau die Ergebnisse, die viele Anleger von Hedgefonds erwartet hatten.

Abbildung 3: Anstieg der Strategien teilweise durch die Märkte bedingt

Seitdem hat sich die Branche anderen Lösungen zugewendet, z.B. Risikoparität und diversifizierte Wachstumsfonds. Diese betonen implizit oder explizit ihr Potenzial, absolute Erträge zu generieren. Mit absoluten Erträgen meinen sie dabei Wachstum ohne einen kurzfristigen Drawdown.

Die Bedeutung des Marktumfelds

Die Bedürfnisse von Anlegern – und die Angebote der Branche – werden oft von den gerade durchlebten Marktereignissen bedingt. Jedes Mal, wenn es an den Märkten zu Turbulenzen kam, machte sich die Branche auf die Suche nach neuen Lösungen.

Dies sollte uns stutzig machen: Kann der „letzte Schrei” unter den Investmentlösungen wirklich unter sämtlichen Marktbedingungen absolute Erträge verzeichnen? Mit Marktbedingungen meinen wir hier die ökonomischen und politischen Gegebenheiten zu einer bestimmten Zeit, beispielsweise die Inflationsdynamik oder das Machtverhältnis zwischen Arbeit und Kapital. Diese verändern sich stetig. Ist es also tatsächlich möglich, unter verschiedenen Bedingungen absolute Erträge zu verzeichnen?

Strategieverständnis: die Abwägung zwischen Diversifikation und Wachstum

Wir würden argumentieren, dass man alle Strategien als ein Gleichgewicht zwischen zwei Gruppen ansehen kann: Wachstumswerte und Diversifikationswerte.

Wachstumswerte bieten einen Einkommensstrom, der mit der Inflation wächst. Hierzu gehören Aktien und Immobilien (mit realen Miet- und Kaufsteigerungen). Vermögenswerte ohne das Potenzial, mit der Inflation gleichzuziehen oder besser abzuschneiden, werden als diversifizierend angesehen. Sie können wachstumsähnliche Rendite abwerfen, doch lediglich auf der Basis von Wertsteigerungen. Im Fall von Anleihen ist der Einkommensstrom festgelegt oder, wie bei Rohstoffen, existiert erst gar nicht.

Anleger sollten beim Handel mit diesen diversifizierenden Vermögenswerten taktisch vorgehen. Es ist wahrscheinlich – außer wenn sie von der Kursentwicklung eine genau Vorstellung haben -, dass sie durch deren Aufnahme in ihr Portfolio bei den realen Erträgen Einbußen hinnehmen.

Abbildung 4: Die meisten Strategien reflektieren ein altbekanntes Prinzip

Nur die Bewertung kann Ihnen sagen, ob Sie sich für eine solche Abwägung entscheiden sollen oder nicht. Gegen Ende der Blase waren Portfolioergänzungen durch Vermögenswerte mit Diversifikationsqualitäten mit geringen Kosten verbunden. Tatsächlich war es auf kurze Sicht richtig, sich von Aktien zu trennen. Auf der anderen Seite haben sich Anleihen wie Wachstumswerte verhalten.

Es gibt allerdings keine Garantie, dass sich dies fortsetzen wird. Die Bewertungssignale deuten vielmehr daraufhin, dass die Chancen gering sind (siehe Abbildung 5). Strategien, die unter diesen Marktbedingungen absolute Erträge verzeichneten, sollte eine Wiederholung schwerfallen, außer sie basieren auf einem Anlageprozess, der je nach den Bedingungen dynamisch zwischen Wachstum und Diversifikation umschichtet.

Abbildung 5: Die langfristigen Kosten der Abwägung

Diversifizierte Wachstumsfonds

Eine in den letzten Jahren an Popularität gewinnende Anlagestrategie war der diversifizierende Wachstumsfonds. Prognosen deuten darauf, dass diese Strategie bis 2018 Assets von bis zu £200 Mrd. anziehen sollte. Der Begriff „diversifizierte Wachstumsfonds” ist wie auch der Begriff „Hedgefonds” ein Label, das eine weite Palette an Ansätzen umfasst. In beiden Fällen geht es um spezifische Ertragsziele (eine tatsächliche Rendite p.a. und nicht das Ziel, eine bestimmte Benchmark zu schlagen) und eine erhebliche Flexibilität in Hinsicht auf die nutzbaren Anlageinstrumente und ihre Mischung. Diese Strategien haben das Potenzial, ihre Versprechen auch einzuhalten. Wir müssen uns allerdings bewusst sein, was genau wir kaufen. Liegt die Betonung – als statisches Element der Strategie – mehr auf Diversifikation als auf Wachstum, so muss sich ein Anleger der Funktion dieser Ausrichtung in seinem Portfolio bewusst sein. Eine Analyse der ökonomischen und politischen Marktbedingungen und der Bewertung ist hierbei unerlässlich.

Zusammenfassung: Immer einen Blick auf die Rückseite des Labels werfen

Menschen wollen einfache Antworten, ein System, dem sie die Anlageentscheidungen übertragen können und das den Stress durch Unsicherheitsfaktoren aus dem Weg räumt.

Die Nutzung einer statischen „wartungsfreien” Portfoliomischung kann auf Basis eines sehr langen Zeithorizonts möglich sein. Unglücklicherweise können deutliche Verwerfungen bei Bewertungen, Inflationsbedingungen und Wirtschaftswachstum für Jahrzehnte oder länger den Ton angeben.

Neue Anlagestrategien wie diversifiziertes Wachstum können in der Folge eine wichtige Rolle spielen. Es ist jedoch von entscheidender Bedeutung, dass die Bedingungen verstanden werden, die für ihren Erfolg oder ihr Versagen verantwortlich sind. Nur ein wirklich aktiver Ansatz bei der Vermögensallokation, der zwischen Wachstums- und Diversifikationswerten zum richtigen Preis umschichtet, bietet das Potenzial für wachstumsähnliche Renditen und insgesamt mehr Reibungslosigkeit unter verschiedenen Bedingungen.


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