Marktrauschen

Was wollen uns die Märkte sagen? Hintergründe der jüngsten Kursentwicklungen

„Für starke Marktbewegungen muss es immer einen Grund geben.“ Meistens stimmt diese Annahme: Auf Gewinnankündigungen, politische Entscheidungen oder die Veröffentlichung makroökonomischer Daten scheinen die Märkte (mit Ausnahmen) erwartungsgemäß zu reagieren.

Manche Kursentwicklung lässt sich aber nicht ohne Weiteres erklären, denn es kommt auch ohne klar erkennbare Ursache zu Marktbewegungen. Dann sucht man verzweifelt nach dem Grund. Dazu bemüht man die diversen Nachrichtenquellen, befragt Händler oder liest sogar Blogs, um herauszufinden, was sich da abspielt.

Leider haben aber die meisten dieser Quellen oft genauso reagiert und erst nach erfolgter Kursbewegung nach dem Auslöser gesucht. In der Vergangenheit ist es schon wiederholt vorgekommen, dass die Märkte vormittags nachgaben und nachmittags mit einem Plus abschlossen. Beide Entwicklungen erklärten die Marktkommentatoren dann mit denselben Daten!

Passende Hintergrundgeschichten für die aktuelle Kursentwicklung zu finden ist ein vergebliches Unterfangen. Was wir erleben, ist Panik – ein korrelierter Ausverkauf, bei dem auch Assets getroffen werden, deren Fundamentalwerte zwar überhaupt nicht tangiert wurden, die aber als Liquiditätsquelle gelten. Sie werden dabei mindestens genau so hart getroffen wie solche, die nach Ansicht der Anleger im Zentrum des Sturms liegen.

Ein interessanter Aspekt der jüngsten Marktphase besteht darin, dass zur Rechtfertigung der Preisentwicklung nahezu täglich andere Erklärungen geliefert wurden. Wir sehen diese Tatsache positiv: Dadurch wird klar, dass sich die Marktteilnehmer keinen Reim auf die Preisentwicklung machen können und nun versuchen, sie durch eine Anpassung ihrer Analysen zu erklären, statt sich vorrangig auf die Fakten zu konzentrieren.

Hat sich die Wirtschaftslage wesentlich geändert?

Die stärksten Änderungen fanden bei den Preisen statt und diese können auch die Fundamentalwerte beeinflussen. Der Ölpreis ist zwar nicht mehr ganz so niedrig wie im Januar, aber niedriger als zu Jahresbeginn. Gleichzeitig haben viele Unternehmen steigende Kapitalkosten verzeichnet. Dabei bestehen heute nach wie vor die gleichen Risiken wie Ende Dezember 2015 und auch die damals beobachteten positiven Entwicklungen haben immer noch Bestand. Was sich geändert hat, sind die Preise und die offensichtliche Bereitschaft, sich stärker auf die Risiken als auf die positiven Aspekte zu konzentrieren.

Bei unserem Investmentansatz geht es nicht um Prognosen. Daher werden wir gar nicht erst versuchen, ein optimistisches Szenario für die Weltwirtschaft zu entwerfen. Allerdings haben wir bereits ausführlich über die von uns beobachteten positiven Signale berichtet , insbesondere in Bezug auf die USA (Anstieg der Beschäftigungszahlen, der Löhne und des Konsums) sowie den Ankurbelungseffekt, der vom niedrigeren Ölpreis ausgeht. Ergänzend kommen Anzeichen für eine Konjunkturverbesserung in Europa (siehe nachfolgende BIP-Grafik) sowie auch in anderen Ländern hinzu (Abb. 2 zeigt den PMI verschiedener Regionen).

Was wollen uns die Märkte sagen? Hintergründe der jüngsten Kursentwicklungen

Verbindung der Banken mit dem Energie- und dem Rohstoffsektor

Die aktuelle Phase sieht für uns eher wie die allgemeine Angst vor einer Finanzkrise aus (nicht zuletzt wegen der Anklänge an 2008). Ob in den USA, Japan oder Europa – Bankaktien haben überall nachgegeben. Somit erscheint es unsinnig, die Verluste durch andere Ursachen als eine allgemeine Panik erklären zu wollen.

Zunächst führten Marktkommentatoren die Kursverluste jedoch ausschließlich auf die Verbindung mit dem Energie- und dem Rohstoffsektor zurück, danach auf die Auswirkungen der Negativzinsen und neuerdings auf europaspezifische Probleme im Zusammenhang mit der Deutschen Bank. Alle diese Begründungen enthalten ein Körnchen Wahrheit. Angesichts der globalen Korrelation der Kursverluste, deren Ausmaß und der fehlenden schlüssigen Erklärung für deren Ursache fällt es jedoch schwer, einen anderen Grund außer Angst zu finden.

Natürlich sind die Finanzsysteme weltweit eng miteinander vernetzt. Die Panik kann sich dadurch als selbsterfüllende Prophezeiung erweisen, wenn erst mal ein „Run“ eingesetzt hat. Wie wir bereits betont haben, erscheint es aber angesichts der Erfahrungen von 2008 und der Zeit danach unwahrscheinlich, dass der Markt diese Risiken heute ignoriert. Anleger und Aufsichtsbehörden hatten dieses Thema im Fokus, und die Banken sind heute zweifelsohne besser aufgestellt als damals.

Das bedeutet jedoch nicht, dass es keine Risiken gibt. Was nutzen schließlich die positiven Daten in den vorstehenden Grafiken, wenn das Finanzsystem zum Erliegen kommt? Wir sind aber nicht der Meinung, dass man allein die Aktienmarktentwicklung als Indikator dafür nehmen sollte, dass sich die Risiken verstärkt haben.

Zur Bekämpfung einer Neuauflage der Finanzkrise fehlt den Zentralbanken die Munition

Die Verbindung zwischen Zinsentwicklung (bzw. allgemein der Zentralbankpolitik) einerseits und dem globalen Wachstum andererseits wurde unserer Ansicht nach in letzter Zeit überbewertet. In den letzten Jahren dienten die Maßnahmen der Zentralbanken hauptsächlich der Liquiditätsförderung. Wie jetzt auf vielen Seiten erkannt wird, ist der Zusammenhang zwischen diesen Maßnahmen und dem Wachstumsergebnis jedoch bestenfalls begrenzt.

Die Zentralbanken konnten ganz klar die Renditekurve und die Anleihenpreise beeinflussen, doch die Realwirtschaft wurde weltweit weiterhin durch dieselben Faktoren angetrieben wie immer: „Animalische Instinkte“, Produktivität und Anreizstrukturen. Unserer Ansicht nach kann Wachstum von staatlicher Seite am besten über die Fiskalpolitik angekurbelt werden, d. h. über Staatsausgaben und/oder Steuersenkungen. In dieser Hinsicht haben etliche Länder noch nicht konsequent gehandelt.

Wenn sich die heutigen Bedenken aber allgemein um die Liquidität des Finanzsektors drehen (die, wie bereits erwähnt, durchaus übertrieben sein könnten), können die Zentralbanken einfach so weiter machen wie bisher, um einen Stillstand des Finanzsystems zu verhindern. Niedrige oder negative Zinsen sind hierbei kein Hindernis.

Wem soll man glauben?

Viele behaupten von sich, langfristige Anleger zu sein und als solche stärkere Nerven als der allgemeine Markt zu haben und sich ergebende Chancen nutzen zu können. In Wirklichkeit sieht es aber so aus, dass dieser Investmentansatz nur dann (für eine Minderheit) funktioniert, wenn er für die Mehrheit zu schwer zu praktizieren ist. In der aktuellen Marktphase werden Investmentansätze wirklich auf die Probe gestellt. Es ist somit völlig normal, dass man sich verunsichert fühlt.


Der Wert von Anlagen kann schwanken, wodurch die Fondspreise steigen oder fallen können und Sie Ihren ursprünglich investierten Betrag möglicherweise nicht zurückerhalten.