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Carry Me Home: Real(e) Gelegenheiten am Devisenmarkt

Eine der von uns oft diskutierten verhaltensbedingten Tendenz ist die Neigung von Investoren, aus Angst vor kurzfristigen Verlusten die langfristige Sicht zu vernachlässigen. Im Kontext der Devisenmärkte kann dies häufig dazu führen, dass sich die Investoren zu sehr auf die Bewegungen der Spot-Preise konzentrieren und ein zweites Ertragselement von Deviseninvestments ignorieren: die Rendite oder „Carry“.

Einer der Gründe, warum die Investoren dem Carry womöglich wenig Beachtung schenken, ist die Art und Weise der Ertragserwirtschaftung. Erträge fallen langsam an und können, was selbstredend noch schmerzhafter ist, periodisch durch schnelle, kurzfristige Veränderungen der Spot-Rate vernichtet werden.

Die folgende Grafik zeigt die Erträge des Deutsche Bank Carry Index, der in jedem Quartal bei den 3 höchstverzinslichen G10-Währungen systematisch Long ist und die drei Währungen mit der niedrigsten Rendite Short positioniert.

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Dieser Chart illustriert die typischen Eigenschaften der Carry-Strategien von Währungen. Es existieren mehrjährige Perioden mit bedeutenden Erträgen (7% annualisierte Erträge zwischen 1996 und 2007, 5% annualisiert von 2009 bis 2014) gefolgt von extrem angespannten Perioden. Schlimmer noch ist der Umstand, dass die Negativperioden oftmals mit einer Schwäche der Aktienmärkte einhergehen.

Dies gesagt bieten diese traumatischen Perioden ähnlich wie die Episoden in anderen Anlageklassen oftmals die Gelegenheit, von darauffolgenden starken Erträgen zu profitieren. Sie können sogar das Risikoprofil eines Vermögenswerts ändern.

Nehmen wir einmal den brasilianischen Real als Beispiel. Der ehemalige Star unter den BRIC-Staaten musste sich mit einigen herben Rückschlägen abfinden: Misswirtschaft, Skandale in den höchsten politischen Rängen und der Druck durch die zunehmenden Erwartungen auf steigende US-Zinsen. Die Folge war eine bis vor Kurzem anhaltende erhebliche Währungsschwäche.

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Gleichzeitig haben die steigenden Zinsen dem Carry am Markt Aufwind gegeben, während in anderen Teilen der Welt, in den Bemühungen um Währungsabwertungen, Negativzinsen eingeführt wurden.

Zu Beginn des Jahres 2016 zeigte der brasilianische Real denn auch die Symptome eines anstehenden „Carry Trade“: traumatische Spot-Kurse mit erhöhtem Carry. Die Fundamentaldaten verschlechterten sich rapide für Brasilien, doch war es zweifelsohne der Fall, dass die Kurse extrem negative Prognosen für die brasilianische Wirtschaft einpreisten, die für positive Überraschungen jede Menge Spielraum ließen.

Das dann in diesem Jahr folgende Verhalten des Real war interessant. Der Spot-Preis ist sogar vor dem Hintergrund der extrem schwachen globalen Aktien angestiegen. Dies ist eine Entwicklung, die in krassem Gegensatz steht zu dem von vielen Marktteilnehmern in einer solchen Situation erwarteten Verhaltensweisen von Schwellenmarktwährungen.

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Eine Rolle spielte zweifelsohne der verbesserte Preis für Öl und Metalle (siehe Chart 4), doch ist Öl mit Sicherheit nicht das Ein und Alles und wir haben andere Verhaltensweisen beobachtet. Man sollte sich immer daran erinnern, dass Carry-Trades im Gegensatz zu Rohstoffanlagen eine vorteilhafte Eigenschaft haben: Sie fahren eine Rendite ein, selbst wenn der Spot-Preis sich nicht verändert.

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In der vor uns liegenden Periode könnten die Risikoeigenschaften einiger Hochzinswährungen ebenfalls interessant sein. Traditionell wird ein schwaches globales Wachstum als eine sehr schlechte Nachricht für Schwellenmärkte gesehen. Das derzeitige Umfeld stellt sich allerdings anders dar. Ist schwaches Wachstum mit niedrigen oder negativen Zinsen im Westen assoziiert, dann macht dies den Carry attraktiver.

Dies bedeutet, dass Schwellenmarkt-Carry-Trades gegenüber Long-Aktienpositionen Diversifikationsvorteile bieten könnten. Historisch haben diese beiden Elemente korreliert. Dies könnte erklären, warum sich selbst hochverzinsliche Währungen ohne eine Öl-Verbindung – z.B. die türkische Lira – in diesem Jahr trotz der Schwäche in anderen risikoreichen Anlageklassen und den deutlich verschlechterten Wachstumsprognosen so widerstandfähig zeigen.

Solche Trades sind immer holprig, doch ist das Verhalten der Schwellenmarktwährungen in diesem Jahr bisher ein weiteres Beispiel für die Art von Themen, die wir hier in unseren Blog zu betonen versuchen. Es ist stets von großer Bedeutung, den emotionalen Stress durch kurzfristige Volatilität und die Allgegenwärtigkeit von Nachrichten rational zu analysieren und sich daran zu erinnern, dass sich das Risiko von Anlagen im Anschluss an eine verhaltensbedingte Episode ändern kann.

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Der obige Chart zeigt ein im Kontext seiner Geschichte erhöhtes Carry für eine Reihe an Währungen, die häufig als schwach erachtetet werden. Dazu gehören der Real, die türkische Lira und der südafrikanische Rand, während sich der russische Rubel auf marktüblichem Niveau befindet, wenn auch aufgrund einiger extremer Ausschläge verzerrt.

Solche ein Carry-Niveau hat das Potenzial für eine attraktive Risikokompensation und eine weitere Diversifikation der Ertragsquellen. Diese Währungen bieten also ein eine Real(e) Chance auf mittelfristige Erträge für solche Anleger, die bereit sind, kurzfristige Veränderungen der Spot-Rate zu ignorieren.


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