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Das Renzi-Referendum: Italienischer Surrealismus in einer postfaktischen Welt

Es erscheint durchaus passend, dass die Amtszeit von Matteo Renzi als italienischer Ministerpräsident auf diese Weise enden sollte. Für Investoren handelte es sich bei diesem Referendum um eine surreale Ablenkung. Die Bevölkerung wählte mit dem Gedanken an eine innerstaatliche Entscheidungskraft, aber die Mitgliedschaft in der Eurozone lässt nur begrenzten Raum dafür zu, dass solche Entscheidungen Einfluss auf die italienische Wirtschaft haben. Das Ergebnis wurde als ein Akt öffentlicher Ablehnung des Establishments präsentiert, letztendlich ist es jedoch eine Bekundung der Zustimmung des gegenwärtigen Zustands.

Manche sehen die Wahl als einen weiteren Ausdruck der „postfaktischen“ Welt. „Postfaktisch“ beschreibt eine Politik, bei der die Anziehungskraft von Emotionen machtvoller ist als Fakten, man kann generell jedoch wahrnehmen, dass die Realität zunehmend verzerrt und irreführend dargestellt wird. Eine einzige einfache Erklärung für das, was passiert, gibt es nicht mehr.

Wie von uns bereits im Oktober dargelegt, waren Versuche, das italienische Referendum in bereits bestehende „postfaktische“ Geschichten wie der „Zunahme des Populismus“ und der Ablehnung der Globalisierung einzureihen, scheinbar übertrieben. Es sieht eher so aus, als wäre der Schwerpunkt der Wahlen hauptsächlich binnenwirtschaftlicher und spezifischer Natur.

Darüber hinaus existieren wichtige Unterschiede zwischen diesem Referendum und der Brexit-Abstimmung sowie dem Sieg von Trump in den USA. Anders als bei den beiden anderen Ereignissen entsprach das Resultat in Italien den Erwartungen. Kursentwicklungen spiegelten das Ergebnis bereits zu einem gewissen Grad wider.

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Eine Erklärung für die bisher gedämpfte Reaktion der Märkte könnte sein, dass das Ereignis eine relativ geringe Relevanz für die Wirtschaftspolitik hat sowie die Tatsache, dass es im Vorfeld allgemein erwartet wurde. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels büßten italienische Staatsanleihen am deutlichsten ein, was jedoch auch mit dem breiteren Ausverkauf bei Anleihen der vergangenen Monate zusammenhängt.

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Die Zukunft

Abgesehen von den kurzfristigen Kursreaktionen wird deutlich, dass Italien zwei miteinander verflochtene Probleme hat, die nicht durch diese Wahl gelöst werden können. Das Land ist konjunkturell äußerst schwach, nachdem es unnötigerweise von der Eurokrise erschüttert wurde und es braucht außerdem eine Bankenkonsolidierung.

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Als die wichtigen gesamtwirtschaftlichen Entscheidungen noch von der italienischen Regierung und nicht von der EBA oder der Europäischen Kommission getroffen wurden, hätte die Währung Italiens abgewertet und die Regierung hätte Geld gedruckt und die notleidenden Kredite aufgekauft.

Aber Italien ist Teil der Eurozone. Die Wirklichkeit der Eurozone ist, dass keine wirksamen, dringenden, antizyklischen politischen Maßnahmen vorhanden sind und es keine einheitliche Vorgehensweise im Umgang mit einer Bankenkrise gibt. Renzi dient als Erinnerung dafür, dass die Souveränität einer Nation äußerst begrenzt ist, wenn sie kein eigenes Geld drucken oder Zinssätze festlegen kann. Es dürfte nicht überraschen, dass ambitionierte, junge, nationale Politiker von surrealen Volksentscheiden abgelenkt werden – bei denen sich die Bevölkerung dann bekräftigt fühlt, wenn alles so bleibt wie es ist.

„Postfaktisch“: Politik und Wirtschaft

Der Versuch, globale Entwicklungen durch die „postfaktische“ Brille zu interpretieren, kann interessant sein, ist für Anleger aber wenig nützlich.

Die Wirklichkeit war immer wesentlich chaotischer und komplexer als die Geschichten, die Medien und Historiker häufig suggerieren. Das aktuelle Umfeld erscheint „surreal“ oder „postfaktisch“, da viele von uns eine recht vereinfachte Darstellung davon gewöhnt sind, wie die Welt funktioniert, jetzt aber mit unzähligen anderen Sichtweisen und Interpretationen konfrontiert werden. Der Schock in Zusammenhang mit den postfaktischen Aspekten in der heutigen Zeit entsteht nicht nur durch das Verbreiten von Lügen, sondern auch durch die Ungewissheit aufgrund der Einsicht, dass es nicht eine „Wahrheit“ gibt, sondern viele.

Finanzmärkte waren schon immer „postfaktisch“. Eine Wirtschaft ist komplex und entwickelt sich permanent weiter. Aus diesem Grund ist es wesentlich schwerer, Geschichten darüber zu konstruieren, als es bei der Politik der Fall ist, wo es eindeutige Protagonisten und Standardereignisse gibt. Gleichzeitig handelt es sich bei den Preisen von Vermögenswerten um eine Mischung aus einer Vielzahl von unterschiedlichen und sich ständig verändernden Überzeugungen. Die besten Anleger sind wohl die, die diese Tatsache akzeptieren.


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