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Die Zukunft des Einkommens – Teil 2: Ist es heutzutage wirklich schwieriger, Einkommen zu erwirtschaften?

Es gibt zwei (zusammengehörige) unterbewusste Annahmen, die Anleger heutzutage scheinbar treffen. Die Erste ist, dass wir uns in einem Umfeld niedriger Renditen befinden und die Zweite ist, dass die Einkommensgenerierung durch Investitionen heutzutage schwieriger ist.

Beide Überzeugungen entspringen letztendlich dem überaus niedrigen Renditeniveau von Staatsanleihen. Wie Stuart letztes Jahr bereits schrieb, hält der Gedanke, dass wir uns in einer Welt der niedrigen Renditen befinden, keiner genauen Prüfung stand, wenn wir uns die tatsächlich erzielten Renditen anschauen. Er funktioniert lediglich als Prognose (die in vielen Fällen allerdings auf Bewertungen basiert).

Wie sieht es mit der Meinung aus, dass die Einkommensgenerierung schwieriger geworden ist?

Es stimmt, dass jene Bereiche des festverzinslichen Marktes, auf die sich Anleger mit dem Fokus auf der Einkommensgenerierung in der Vergangenheit verlassen konnten, mittlerweile extrem niedrige Renditen aufweisen. Dadurch sind diese Bereiche absolut betrachtet nicht nur weniger attraktiv, sondern, wie ich letzte Woche bereits erörterte, es beeinflusst auch ihre Risikoeigenschaften.

Anleger, die in den Industriestaaten wie Großbritannien und Deutschland auf der Suche nach Erträgen sind und die sich in der Vergangenheit womöglich auf inländische Staatsanleihen gestützt haben (wobei Anleger, die die Anleihen bereits im Bestand haben, erhebliche Kapitalzuwächse erzielt haben dürften), stehen somit vor einer Herausforderung. Bei dieser Betrachtung würden wir jedoch eine Reihe von positiven Entwicklungen außer Acht lassen, die sich in den letzten zehn Jahren für Anleger mit einem breiteren Universum ergeben haben.

Wesentlich mehr Ertragschancen im Aktiensegment

Seit der Finanzkrise und ihren negativen Auswirkungen wurde die „Jagd nach Rendite“ allseits betont. Für diese Ansicht haben wir Verständnis. Es war aber schon immer ein gefährlicher Ansatz, ohne Berücksichtigung des Risikos ausschließlich auf die Rendite zu achten.

Doch auch das Verhalten von Unternehmen ist ein weiterer Einflussfaktor der steigenden Nachfrage nach Erträgen. Da die Märkte stärker disziplinierte Unternehmen belohnten, sind Geschäftsführungen bestrebt, ihre Dividendenpolitik zu verbessern. Die unten aufgeführte Grafik zeigt die Anzahl an Unternehmen weltweit, die ihre Dividenden über mindestens drei Jahre gesteigert haben.

Die Anzahl der Unternehmen, die diese Historie aufrechterhalten konnten, ist nach der Finanzkrise zwar erwartungsgemäß gesunken, aber durch permanente Neuzugänge im Universum stehen heute wesentlich mehr Unternehmen zur Auswahl als vor der Krise.

Was ebenfalls wichtig ist, diese Unternehmen sind über die ganze Welt verteilt. Eine lange Zeit mussten sich Anleger auf der Suche nach Unternehmen mit erstklassigen Bilanzen und historischen Dividendensteigerungen auf die USA und in geringerem Maße auf Europa konzentrieren. Abbildung 2 zeigt Länder mit mindestens 20 Aktien, die im Jahr 2007 mindestens drei Jahre lang ihre Dividenden steigern konnten.

Im Jahr 2017 können wir dieser Liste sechs neue Länder hinzufügen, während lediglich Finnland und Belgien rausfielen.

Die geografische Größe Russlands und Brasiliens schmeichelt der Kartenansicht, trotzdem ist erwähnenswert, dass auch Mexiko, Indonesien und die Philippinen zu den neuen Regionen gehören – gewichtige Volkswirtschaften mit großen Bevölkerungen. Gleichzeitig weisen Teile Asiens, die in der Vergangenheit weniger aktionärsfreundlich orientiert waren als andere Teile Welt, einen deutlichen Kulturwandel auf. Am deutlichsten kann man dies in Japan beobachten, wo Abes dritter Pfeil wohl das Verhalten von Unternehmen auf positive Weise für Anleger formt, wozu auch höhere Dividendenzahlungen zählen.

Sind diese neuen Chancen mit einem höheren Risiko verbunden?

Zur allgemein verbreiteten Kritik zählt, dass die Dividendenrendite auf Qualitätsaktien aufgrund der Renditejagd auf gefährlich niedrige Niveaus gesunken ist. Auch wenn es eine größere Auswahl von Aktien gibt, sind diese alle riskanter? Unserer Einschätzung nach ist das nicht in allen Bereich der Fall. Man muss zwischen solchen Unternehmen, deren Bewertung einfach aufgrund des Vorhandenseins stabiler Erträge deutlich korrigiert wurde und solchen, bei denen Erträge und Dividendenzahlungen anhaltend gestiegen sind, unterscheiden.

Eine einfache Prüfung basierend auf Dividendenrendite sowie einer Historie des Dividendenwachstums legt nahe, dass die Bewertungen nach wie vor angemessen sind und dass Unternehmen, die ihre Dividende steigern konnten, durchschnittlich ein besseres Schuldenprofil aufweisen als es noch 2007 der Fall war ebenso wie eine bessere Bewertung im Hinblick auf das Kurs-Cashflow-Verhältnis und das Kurs-Buchwert-Verhältnis.

Auch die Dividendenrendite erscheint insgesamt auf relativer Basis erhöht (die Spitzen unten sind den Aktienkursrückgängen von 1990 und 2008 zuzuschreiben).

Die Frage ergibt sich von selbst: Wenn sich Unternehmen stärker auf Dividenden (und Rückkäufe) konzentrieren, geht dies dann zu Lasten von Wachstumschancen? Das bleibt vorerst abzuwarten. Zwar fielen die Investitionsausgaben (anhand der Daten) schwach aus, dennoch erscheinen die erzielten laufenden Erträge sowie die Ertragserwartungen insgesamt einigermaßen normal und die Kompensation für das Risiko scheint ebenfalls größtenteils angemessen.

Außerhalb der Aktienmärkten

Natürlich können auch Aktien mit steigenden Dividendenzahlungen eine höhere Volatilität aufweisen, als es vielen Anlegern auf der Suche nach Erträgen lieb ist. Außerdem neigen sie in Stressphasen zu höheren Korrelationen, und zwar auch über Ländergrenzen hinweg.

Glücklicherweise können Multi-Asset-Anleger ihr Spektrum anhand einer Reihe von Vermögenswerten mit dem Potenzial für attraktive Erträge erweitern. Unser Kollege Richard Woolnough schrieb letztes Jahr über Entwicklung des Marktes für Unternehmensanleihen in Großbritannien und darüber hinaus. Diese Ausführungen geben noch mehr Anlass zur Zuversicht, als meine oben geschilderten Beobachtungen zu den Aktienmärkten. Für all diejenigen, die selektiv vorgehen können, sind heute wesentlich mehr Optionen verfügbar als jemals zuvor. Dies wurde durch die kontinuierliche Entwicklung von „alternativen Anlagen“ verstärkt, die neue Zugangsmöglichkeiten zu Bereichen des Anlageuniversums wie Immobilien und Infrastruktur bieten.

Ein breiteres Anlageuniversum dürfte mit besseren Diversifizierungsmöglichkeiten einhergehen, aber auch mit einer höheren Notwendigkeit für eine gezielte Auswahl. In meinem Artikel letzte Woche erwähnte ich die Bereiche des festverzinslichen Universums, die eine potenzielle Sicherheitsmarge gegenüber steigenden Zinsen in den USA bieten. Allerdings könnten sogar vermeintliche „alternative“ Anlagen (viele von ihnen existieren noch nicht lange genug, als dass sie sich dem Test steigender Zinsen unterzogen hätten) durch Zinsveränderungen und Liquiditätsdruck beeinflusst werden.

Einkommen als Stil gegenüber Einkommen als Ergebnis

Die Sorgen über die Möglichkeit der Einkommensgenerierung basieren hauptsächlich auf den sehr niedrigen Staatsanleihenrenditen sowie auf Befürchtungen, die naturgemäß aufkommen, wenn ein bestimmter „Stil“ oder ein bestimmtes Thema besonders gut funktioniert hat. Sicherlich ist es richtig, dass der Erfolg von Einkommen als Anlagestil einer der wichtigsten treibenden Faktoren für die „Mode“ des einkommensorientierten Investierens ist, die einige Bewertungen auf riskante Niveaus getrieben hat.

Für Anleger, die auf regelmäßige Zahlungsströme angewiesen sind wie Rentner oder Institutionen mit festen Verbindlichkeiten, überwiegen jedoch die Vorteile eines sich entwickelnden Universums von Vermögenswerten mit Einkommenspotenzial die negativen Aspekte bei weitem.

Es muss sorgfältiger Selektiert werden, was jedoch schon immer angebracht war und für Multi-Asset-Anleger gibt es mehr Möglichkeiten als jemals zuvor. Da die Renditen in vielen Teilen der Welt auch bisher in diesem Jahr weiter gestiegen sind, könnte es darüber hinaus sogar sein, dass auch die traditionellen Einkommensquellen wieder attraktiver werden.


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