Marktrauschen

Jackson Hole – Hinterher ist man auch nicht schlauer

Jedes Jahr treffen sich politische Entscheidungsträger und Wirtschaftswissenschaftler der ganzen Welt in Jackson Hole, um aktuelle Themen zu besprechen. Seit der Finanzkrise hat sich der Fokus auf die politischen Entscheidungsträger extrem verstärkt und es überrascht nicht, dass Janet Yellen und Mario Draghi im Rahmen des Ereignisses die Schlagzeilen dominierten (eine Zusammenfassung aller Vorträge ist am Ende dieses Blog-Artikels zu finden).

Yellens Rede in Jackson Hole wird wahrscheinlich auseinandergenommen und genau analysiert werden, um irgendwelche Anhaltspunkte zu finden, was sowohl den zeitlichen Ablauf als auch den Umfang der bevorstehenden Reduzierung des Volumens der Notenbankbilanz angeht. Sogar die Tatsache, dass sie und Draghi nur wenig gesagt haben, kann als wichtig angesehen werden.

Wenn das nur interessant oder bedeutend für die Preise von Vermögenswerten wäre.

Wie wir zu einem früheren Zeitpunkt bereits erwähnt hatten, sollte die Politik nicht außer Acht gelassen werden, wenn es um die Auswirkungen auf die potenziellen Risikoeigenschaften von Vermögenswerten oder die Fähigkeit geht, Wachstumsergebnisse zu beeinflussen oder darum, in wie fern sie die Wirtschaftssysteme reflektiert. Es wäre dann sehr viel lehrreicher, die auf dem Treffen gewählte Ausdrucksweise nach einem Hinweis auf eine wachsende Neugier seitens der Zentralbanker dahingehend zu untersuchen, weshalb die herkömmliche Denkweise, die ihr komplettes System untermauert, vielleicht falsch sein könnte.

Ein politisches Rätsel

Die zunehmende Herausforderung für die langfristig orientierten politischen Entscheidungsträger (sicherlich alle von ihnen?) ist die Frage, wie man Zinserhöhungen rechtfertigen kann, wenn die Inflation nicht mitspielt indem sie steigt, obwohl die Arbeitslosigkeit bereits sehr niedrig ist.

Was das angeht, lieferte das Protokoll der FOMC-Sitzung vom Juli interessante Informationen, da einige Mitglieder des Komitees auf die fehlende Existenz überzeugender Nachweise für die Wirksamkeit ihrer eigenen Inflationsprognosen auf Grundlage herkömmlicher Kennzahlen hinwiesen (was mit der jüngsten Studie der Fed über die scheinbare Schwäche der Phillipskurve zusammenhängt):

Die Mehrheit der FOMC-Mitglieder gibt sich vorerst damit zufrieden, den Nachweis (oder die Tatsache, dass es keinen gibt) zu ignorieren und weiterzumachen, als wäre die Wachstums-/Inflationsdynamik dieselbe wie eh und je. Das wird vermutlich nicht ewig so sein. Damit die Zinsen ein bestimmtes Niveau erreichen, bevor dann ein Entgegensteuern der Zentralbank notwendig wird, bedarf es einer umfassenderen Begründung als nur die Dynamik von Arbeitslosigkeit und Inflation.

Die Wirtschaft befindet sich nach wie vor in einem komfortablen Expansionsmodus, was bedeutet, dass die Widerstandsfähigkeit gegenüber höheren Zinsen wahrscheinlich stärker ist als man befürchtet hat. Die größere Herausforderung stellt die Rechtfertigung einer „strafferen Politik“ im Einklang mit den langfristigen Zielen der Fed dar, ohne Ängste vor einer (nicht existierenden) inflationären Dynamik an den Märkten zu schüren. Das könnte bedeuten, dass für eine Begründung bis zum nächsten Abschwung „durchgeschaut“ werden muss, was eine Aufgabe der Kommunikation ist, die heute beginnen könnte – was jedoch nicht wahrscheinlich ist.

 

Jackson Hole 2017 – Eine Zusammenfassung

Jackson Hole dient häufig äußerst hilfreich als Richtschnur für die Belange, die die Allgemeinheit zu einem bestimmten Zeitpunkt beschäftigen. Ein kurzer Überblick über die Themen, die auf dem diesjährigen Treffen besprochen wurden, veranschaulicht dies. Ungleichheit und Globalisierung dominieren, ebenso wie Aspekte hinsichtlich Produktivität und Leistungsbilanzungleichgewichten. Darüber hinaus offenbaren Recherchen über die Effekte fiskalpolitischer Anreize ein Bewusstsein für die oben dargelegten Themen.

„Financial Stability a Decade after the Onset of the Crisis” – Janet Yellen

  • Wir hatten eine Krise.
  • Wir haben Schritte unternommen, um eine Wiederholung zu vermeiden.
  • Diese scheinen zu funktionieren, aber wir werden wahrscheinlich eine weitere, andersartige Krise sehen.

 

„The Reallocation Myth” – Chang-Tai Hsieh, Pete Klenow, Gita Gopinath

  • Es ist nicht klar, dass das Wachstum in den USA von Ressourcen getrieben wird, die von weniger produktiven auf produktivere Firmen übergehen.
  • Innovation von etablierten Unternehmen anstelle von Neueinsteigern oder Mitbewerbern scheint der wichtigste Faktor für die Wachstumsentwicklung zu sein.
  • Mit einigen Vorbehalten hinsichtlich der Auswirkungen von Wettbewerb und Wissens-Spillovers.

 

„Income inequality and the Distributional Aspects of International Trade“ – Nina Pavcnik, David Dorn

  • Der freiere Handel zwischen Ländern lässt Gewinner und Verlierer zurück.
  • Dies trägt tendenziell zur Ungleichheit innerhalb der Länder bei, ist jedoch nicht der wichtigste Einflussfaktor.
  • Der ungleichmäßige Einfluss des Handels wird von Unstimmigkeiten in der Mobilität der Arbeiter und dem Kapital definiert.
  • Handel ist insgesamt von Vorteil, es bedarf jedoch vermutlich neuer Ansätze, um die Verlierer des Handels zu unterstützen.

„The Changing Landscape for International Trade“ – Ann E. Harrison, Catherin L.Mann, Peter K. Schott, John Van Reenen

  • Das Wachstum der Handelsintensität scheint sich verlangsamt zu haben.
  • Allerdings herrscht ein zunehmender Wettbewerb bei den komplexeren Gütern.
  • Technologie und Konsumentenpräferenzen bedingen Arbeitsplatzverluste im verarbeitenden Gewerbe.
  • Wichtige soziale Auswirkungen, da das verarbeitende Gewerbe regional konzentriert ist und sich häufig auf Arbeitskräfte mit mittlerem Qualifikationsniveau stützt.

„Sustaining openness in a dynamic global economy“ – Mario Draghi

  • Die Weltwirtschaft steht mittlerweile auf einem sichereren Fundament. Demzufolge ist es angemessen, den Fokus auf eine Steigerung des potenziellen Wachstums und der Produktivität zu richten.
  • Offenheit scheint dafür ein zentraler Aspekt zu sein und es braucht den Einsatz für Globalisierung.
  • Dazu gehört, sich mit aktuellen Sorgen über Fairness, Sicherheit und Gerechtigkeit auseinanderzusetzen.
  • Eine zentral angelegte Kooperation (regulatorisch, usw.) ist wichtig, um dies zu erzielen.

„Fiscal Stimulus and Fiscal Sustainability“ – Alan J. Auerbach, Yuriy Gorodnichenko, Jason Furman

  • Niedrige Zinsen begrenzen den Handlungsspielraum für Maßnahmen während der nächsten Rezession.
  • Die Fiskalpolitik scheint die richtige Antwort zu sein, dennoch müssen die potenziell negativen Auswirkungen auf bereits hoch verschuldete Länder abgeschätzt werden.
  • Empirische Daten (seit den 80er Jahren bis heute) aus Industriestaaten legen nahe, dass Schocks durch Staatsausgaben nicht zu beständigen Steigerungen des Verhältnisses von Verschuldung zu BIP oder der Fremdkapitalkosten führen.
  • Die Auswirkungen von Ausgabenschocks sind davon abhängig, in welcher Phase des Konjunkturzyklus sich das Land befindet. In schweren Rezessionen könnte die Fiskalpolitik das Verhältnis von Verschuldung zu BIP reduzieren.

„The Once and Future Global Imbalances? Interpreting the Post-Crisis Record“- Menzie Chinn, Maurice Obstfeld

  • Erneut sind große Leistungsbilanzungleichgewichte in den globalen Volkswirtschaften aufgetreten.
  • Sowohl die Theorie als auch empirische Nachweise haben Schwierigkeiten, diese Entwicklungen zu erklären.
  • Die Rolle der Fiskalpolitik könnte durchaus wichtiger sein als bisher angenommen.

„Overview Panel“ – Norman Chan, Timothy J. Kehoe, Carmen M. Reinhart

  • Die multilaterale Liberalisierung des Handels stagniert. Populismus gefährdet die Liberalisierung.
  • Das Gefälle von Einkommen und Vermögen muss weiter untersucht werden, einschließlich der Auswirkungen durch die Verdrängung von Arbeitskräften durch Technologien.

Die Regierungen waren erfolgreicher in der Umverteilung von Einkommen als von Vermögen. Die Predistribution der Einkommen und eine Umschulung verdrängter Arbeitskräfte könnte notwendig sein.


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